Wer ist der Chor, wenn er ICH sagt?

Zentraler Forschungsgegenstand der szenischen Arbeit von Nika Enoa Jäger ist die Ereignishaftigkeit des Chorischen. 

Warum kommt ein Chor zusammen? 
Was sind die Gründe seiner Artikulation?
 
Ein Chor ist nie einfach nur da.

chorisch gesprochener Bühnentext. 2024


"Der Chor Die Chor Das Chor. Der Chor die Chor das Chor. derdiedas Chor. Pause. Sie denken jetzt, Sie haben mich nicht ganz verstanden. Sie denken jetzt, Sie haben mich nicht ganz verstanden. Oder vielleicht. Sie haben zugehört, aber mich richtig verstanden, das haben Sie nicht. Hören Sie. Wir machen das jetzt folgendermaßen. Sie hören mir einfach zu. Jetzt. Und danach reden Sie, wenn Sie etwas zu sagen haben sollten. Oder darf ich DU sagen? Ich sage einfach DU, wenn Sie nichts dagegen haben. Das, was ich Dir zu sagen habe, betrifft nichts, nichts Geringeres als den Fortbestand der menschlichen Existenz. Es ist nämlich so: Ich kann gerade kleinen klaren Gedanken fassen Aber ich kann Therme rechnen, und ich habe Spaß daran. Und ich bin schön. Auch wenn ich mich manchmal hässlich finde. Ich bin schön. Ich bin genug. Ich bin besonders. Ich kann, was ich können muss. Ich wünschte, du würdest deine Augen öffnen und mich sehen. Ich wünschte, du würdest deine Augen schließen und mich sehen. Außerdem kann ich gut reiten, ich bin gut in der Schule, ich habe Hunger und ich möchte jetzt einen Döner essen. Ich bin müde, ich bin wach, ich möchte brave Kinder haben, also, ehrlich gesagt, möchte ich wahrscheinlich doch überhaupt gar keine Kinder haben. Das wäre auch sehr unpraktisch, so als Chor, mit Kind. Ich bin ja nie dieselbe, derselbe, dasselbe. Und stell dir vor, du musst als Chor auf einen Elternabend gehen. Oder in der Schlange stehn für zwei Kugeln Eis. Das musst du dir mal vorstellen, was das für ein Durcheinander gäbe. Bis ich mir da einig wäre. Da klänge dann ungefähr so: (alle laut durcheinander) Stopp. Pause. Nee nee. Das wolln wir nicht. Das willst du nicht. Und ich will das auch nicht. Aber. Ich habe Gefühle und Emotionen. Ich kann gut zuhören und für Menschen da sein, wenn Sie jemanden brauchen. Ich kann begeistert Entscheidungen treffen. Ich bin faul. Ich bin müde und zufrieden. Ich kann nachts an den Kühlschrank gehen und ich liebe es. Ich bin glücklich, wenn ich draußen bin und die Sonne scheint. Doch ich bin niemals nur das, was du in mir siehst. Ich wünsche mir, nicht einsam zu sein, wenn ich alleine bin. Wenn ich alleine bin. Doppelpunkt: Staunen, atmen, essen, lesen, schlafen, hinaufklettern ganz hoch, fallen ganz tief, aber weich und in deine Arme. Ich weiß, das klingt kitschig. Es ist wie im Traum Aber was solls, die Welt geht nur einmal unter. Kunstrosen und Raumspray, Ibuprofen und Beton, Ballermann Party Hits 2024. Die neue Statistik sagt: 12 Millionen Mallorca-Touristen jährlich. Ich sehe da kein Problem. Ich sehe da wirklich kein Problem. Ich wünsche mir nur, dass es eine leichte Aufgabe wäre, die Welt besser zu machen. Mein Aussehen. Meine Herkunft. Meine Religion. Meine Hautfarbe. Wer und was ich bin, und wen ich liebe - das ist, alles in Allem, einzig allein, meine IDENTITÄT. Ich wünsche mir, nicht immer beurteilt zu werden. Es verletzt mich. Es macht mich traurig, und wütend, und sprachlos, und alles zugleich. Ich wünsche mir, dass ich über meine Gefühle reden kann. Und ich erwarte, dass mir zugehört wird. Denn in mir tobt ein wilder Sturm. Ich bin schön, wenn du mich siehst. Ich bin genug. Ich bin sicher, hier, in diesem Körper. Ich bin immer anders und niemals die oder der oder das Gleiche. Ich bin genug, und sicher, hier, in diesem Körper. Verstehst Du? Und manchmal kann ich zaubern. Aber ich kann mir keine Witze merken. Kennst du das? Hörst du mir eigentlich noch zu? Okay. Denn ich kann extrem viel Liebe geben. Ich kann Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen. Aber eigentlich ist es doch so. Ich kann keinen klaren Gedanken fassen. Ich komme nicht zur Ruhe. Du hast drei Wünsche frei. Jetzt! Okay, vorbei. Du denkst, ich kann zaubern. Aber ich. Derdiedas Chor - Ich komme nicht zur Ruhe. Ich komme einfach nicht zur Ruhe. Ach, wenn ich doch schlafen könnte. Mein Lied ist die Klage. Es verfängt sich im Wind. Komm zurück in die Landschaft. Bitte komm bald. Ich wünsche mir, wieder glücklich zu sein. Ich warte als Kind. Hörst du? Vergiss nicht, zu atmen. Denn: Alle Kriege sind vorbei. Und alle Menschen werden frei. Davon träume ich. Und jetzt: DU!" 


Chorisches. 
Aufnahmeworkshop, Hochschule für Künste im Sozialen, Ottersberg, 2025